Die schönste Hafenstadt Belgiens

Gent, Belgien

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Ich sitze im Flixbus. Er ist bis zum letzten Platz ausgebucht. Beine auf dem Nebensitz ausstrecken? Fehlanzeige. Vor uns liegen noch 4 Stunden Fahrt. Es stinkt, als säße ein Hund mit Verdauungsproblemen auf dem Sitz vor mir. Liegt vermutlich daran, dass ich den Sitz direkt neben der Toilettenkabine erwischt habe, die während der Fahrt auch so einige aufsuchen. Ich habe wirklich Hunger, was echt unpassend ist, denn ich kann bei dem Gestank nichts essen. Bis 5 Minuten vor meiner Ankunft in Gent weigere ich mich, selbst auf die Toilette zu gehen, muss meiner Blase am Ende jedoch nachgeben. In der Kabine werde ich durch den Genter Verkehr von links nach rechts geschubst, der Busfahrer hupt, während ich mir den Hintern abwische.

Es ist kalt und nass. Dezember eben. Der Regen kriecht mir in jede Ritze und der Wind obsiegt alsbald über meinen Schirm. Aber die Gebäude sind einfach atemberaubend schön. Uralt und mit reichlich Dekor versehen. Ich hoffe, das kann man später auch von mir behaupten. Von überall schallt Weihnachtsmusik herüber und jede Bar sowie jedes Café laden zum Verweilen ein, (zumal es bitterkalt ist; habe ich das schon erwähnt?!) Ich muss zugeben, die Strumpfhose war nicht meine beste Wahl, bei 4 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von gefühlt 99% friere ich mir hier mal wieder den Allerwertesten ab und ernte gierige sowie überraschte Blicke von Uwes, Peters und Joachims. Während ich an einer Kirche nach den anderen vorbeilaufe und aus dem Staunen (und Zittern) nicht mehr herauskomme, versuche ich mich via Google Maps zu orientieren, aber mein Schirm und der Regen machen es einem nicht allzu leicht. Frustriert gebe ich auf, als meine Finger von der Kälte steif werden und mein Bildschirm nicht mehr von ihnen berührt werden möchte. Schließlich setze ich mich in ein Café und bestelle mir einen doppelten Espresso, für den ich Nase rümpfend 8 Euro hinblättere. So viel hat mein komplettes Flixbus Ticket hier her gekostet!

So, kurze Bestandsaufnahme: So eine Reise kann schon ganz schön an den Nerven zerren...dafür habe ich von Düsseldorf nach Gent nur 8 Euro bezahlt. Der Rucksack nervt, doch in meinem Hostel kann ich erst in zwei Stunden einchecken. Mit trockenen Fingern konnte ich feststellen, dass Google Maps mich dafür ans andere Ende der Stadt schicken möchte. Wie?! Kann doch nicht sein, warum habe ich denn ein Hostel so weit abseits gebucht? (Dabei weiß ich eigentlich, dass der Grund dafür vermutlich mein durch meinen Vater streng anerzogener Sparsinn ist).

Als ich das Café wieder verlasse, laufe ich erstmal ein wenig durch die Stadt, bestaune weitere Gebäude, mache verschwommene Fotos, weil es immer noch regnet und noch kein Schutz für Handylinsen vor Regen erfunden wurde. Ich mache "Ah!" und "Oh!" und hoffe, dass mich keine hört, was eher unwahrscheinlich ist, da Weihnachtsmusik über den Rathausplatz schallt und die Leute schon jetzt durch den Glühwein ermutigt lauthals singen. Schließlich erreiche ich die Burg Gravensteen, eine wundervolle Wasserburg aus dem 9. Jahrhundert, und entdecke einen kleinen dunklen Nebeneingang, der mit Kerzen dekorierte Treppe hinab in den Keller der Burg führt. Neugierig und nach Wärme gierend folge ich den Stufen hinab und werden von dicken Burgmauern und mit Tannen geschmückten Säulen umfangen, überall lehnen festlich dekorierte Weihnachtsbäume und heraldische Wappen. Es wird stimmungsvolle Musik gespielt und ich blicke auf eine mit Lichterketten und Kerzen geschmückte Winterbar. Im Kellerraum stehen weihnachtlich geschmückte Tische, an denen bereits einige Menschen sitzen und vergnügt an ihrem Glühwein nippen, während sie das Gewölbe über ihnen bestaunen. Am Rand suche ich mir einen Platz neben einer antiquierten Ritterrüstung und checke durch das Visier im Helm, ob darin auch wirklich niemand steckt, bevor ich mich setze (wer schon mal im Mystery Castle im Phantasialand war, wird mich verstehen). Als der Kellner im Anzug zu meinem Tisch kommt, bestelle ich einen Espresso Martini und genieße die magische Atmosphäre, während der Cocktail meine Rückenschmerzen betäubt.

Schweren Herzens verlasse ich die Burg anschließend, aber nicht, ohne zuvor noch eine Zimtschnecke zu bestellen, die ich in zwei Happen verschlinge. Als der Kellner kurz darauf verblüfft meinen Teller abgeräumt hat, habe ich auf die Ritterrüstung neben mir gezeigt und mit den Schultern gezuckt. An der frischen Luft stelle ich zufrieden fest, dass es aufgehört hat, zu regnen und laufe beschwingt (okay, na gut, beschwipst) zum Kaba Hostel, ein 20-minütiger Fußweg durch die Innenstadt und schließlich an der Leie vorbei. Dort angekommen bestaune ich das schöne Interieur im Vintage Stil, erhalte Handtücher und Bettwäsche an der Rezeption von einem älteren Mann und werde mit einem Schlüssel in den 5. Stock geschickt. Mit meinem Rucksack auf dem Rücken scheint die rote Wendeltreppe aus Holz fast zu eng, der Aufstieg endlos. Auf der letzten Etage angekommen, öffne ich die Tür zum gemischten Schlafsaal mit 6 Betten. Niemand da, aber die zwei Hochbetten sind mit Kleidung behangen. Ich gehe daran vorbei und finde eine weitere Treppe, die verboten sein sollte, so steil ist die. Ohne Geländer versuche ich auf allen Vieren hochzukraxeln und bin erleichtert, dass mich dabei niemand sieht. Oben angekommen stehen zwei normale Einzelbetten mit einem Abstand von 1,5 Metern zueinander. Hier ist alles noch frei. Ich schnappe mir das linke und werfe meinen Rucksack endlich ab. Puh, angekommen. Allzu lang verweile ich hier aber nicht, denn der Hunger zieht mich die 5 Stockwerke herunter. Ich will wissen, ob sich in der direkten Umgebung des Hotels eventuell etwas Essbares finden lässt, bevor ich an der abendlichen Free Walking Tour "Die dunkle Seite von Gent – Geschichte und Mysterien" von GuruWalk teilnehme. Ich biege zwei Straßen weiter auf die Schepenenvijverstraat und stehe plötzlich mitten im Red Light District. No Affront, aber hier werde ich mir nichts zu Essen suchen. Also wieder in die Innenstadt. Da komme ich glücklicherweise an einem McDonalds vorbei. Mit einem Veganer McChicken in der Hand raste ich auf der berühmten Sint-Michielsbrug, von wo man eine wundervolle 360 Grad Aussicht auf den Kanal der Leie, den Belfried, die St.-Bavo-Kathedrale und St. Niklaskirche sowie die Kirche Sankt Michael hat. Nie hat ein Burger so gut geschmeckt. Der Treffpunkt der Free Walking Tour (Du schließt dich einer Gruppe an, läufst mit einem Guide durch die Stadt, bekommst Infos, Geschichten, Tipps und zahlst am Ende das, was es dir wert war) ist direkt vor dem Eingang des Hostels "Uppelink", welches ich euch wirklich von Herzen für euren Aufenthalt empfehlen kann! Es ist wirklich wunderschön, hat einen tollen Aufenthaltsraum mit Sofas und Kamin, die Fenster gehen direkt zum Kanal raus, es gibt Snackautomaten und eine Bar, wo die Cola viel günstiger ist als bei McDonalds. Außerdem gibt es moderne Schließfächer, die man komplett digital bedient: Man wählt einfach die passende Fachgröße, legt die gewünschte Nutzungsdauer fest und bezahlt anschließend bequem mit Karte. Und dieses Hostel ist so zentral, dass es zentraler nicht geht. Merkt euch das gerne für euren nächsten geplanten Aufenthalt im Gent! (ich musste später mit dem Bus zurück zu meinem Hostel in Buxtehude...)

Unser Guide Kenny erzählt vom alten Gent, als würde die Stadt unter unseren Füßen gerade erst entstehen. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter, als er von der schaurigen Geschichte und kleinen Anekdoten der einzelne Plätze erzählt (und ich schwöre, das liegt nicht an dem Regenwasser, dass mir hinten in den Kragen läuft). Wir laufen mit ihm zum Graslei, wo der alte Hafen war. Der Regen wird immer heftiger, mein Schirm gibt alles und dann auf, die Kapuze hält schon lange nichts mehr ab. Aber Kenny? Der macht einfach weiter, als wäre das ein normaler Arbeitstag. Er lacht, er gestikuliert, er fragt im Minutentakt, ob es uns gut geht und ob wir noch können. Und allein wegen dieser lieben Fürsorge und seinem Einsatz will man durchhalten. Wir folgen den Kanälen der Leie in Richtung Appelbrugparkje. Dort erzählt Kenny, wie die zum Tode Verurteilten ihre letzten Stunden verbracht haben. Der Ort wirkt im Regen noch düsterer, fast unheimlich, aber er bringt es mit so viel schwarzem Humor rüber, dass man trotzdem lachen muss. Gleich daneben sehen wir die Hoofdbrug, die Enthauptungsbrücke, und von dort die Burg Gravensteen. Weiter geht’s zu den Überresten des Palasts, in dem Karl V. geboren wurde. Unser engagierter Guide erzählt die Geschichten über die Aufstände, über die Strafen, über Gents dramatische Vergangenheit, als würde er uns ein wildes Familiendrama vorspielen. Ich merke kaum noch, dass meine Strumpfhose inzwischen komplett durchnässt ist. Im alten Augustinerkloster wird die Stimmung wieder ernster. Kenny erzählt von der religiösen Unterdrückung, von Felipe II. und dem Herzog von Alba (die historischen Zusammenhänge habe ich nicht ganz gerafft, so durchgefroren und auf englisch...). Am Ende landen wir in Patershol, einem wunderschönen mittelalterlichen Viertel. Die Gassen glänzen vor Nässe, überall spiegelt sich das Licht, und es passt irgendwie perfekt zu den letzten Geschichten, die Kenny erzählt. Noch ein paar Legenden, ein bisschen Folklore, und plötzlich ist die Tour vorbei. Wir sind alle klatschnass, aber glücklich, durchgefroren, aber komplett begeistert. Kenny macht einen großartigen Job und hat die Kasse nur so klingeln lassen!

Ich knipse noch ein Foto von meiner lieb gewonnenen Burg und verspreche ihr, morgen im Hellen wieder zu kommen. Dann freunde ich mich mit einem fremden Hund an, dem ich das Stöckchen werfe, doch er verrät mir dennoch nicht, wo ich jetzt noch eine gute Pizza her bekomme (den Burger habe ich durchs ganze Zittern mittlerweile schon zweimal verbrannt). Sein Herrchen kann mir auch nicht weiterhelfen, denn der kann kein Wort Englisch. Also verabschiede ich mich von beiden und folge ein paar Menschen, die hungrig aussehen. Tatsächlich komme ich dabei an einer veganen Pizzeria vorbei, die allerdings noch geschlossen hat. Frustriert laufe ich weiter. Ich habe den Anschluss zu meinen hungrigen Freunden verloren, komme an einem Suppenrestaurant vorbei (ebenfalls geschlossen) und biege rechts ab, wo ich mich auf einer stillen Straße befinde. Wie leer gefegt es hier plötzlich ist. Fast schon unheimlich mit diesen alten Gemäuern um mich herum. Ich fühle mich in eine alte Zeit versetzt und mir setzen die Schauergeschichten von Kenny ein wenig zu. Schnelleren Schrittes erreiche ich schließlich ein Restaurant namens "Fuga". Es sieht recht edel aus mit seiner roten Neon Schrift, aber ich wage mich hinein und bestelle das, was einer Pizza am nächsten kommt: eine vegetarische Pinsa. Anschließend bin ich so müde, dass ich den Bus zu meinem Hostel nehme. Dort angekommen registriere ich noch, dass nun auch das Bett neben mir mit Kleidung bestückt wurde, aber ich lege mich hin und schlafe schnell ein.

Am nächsten Morgen wache ich ausgeruht auf (dank der besten Ohrstöpsel, die es gibt) und schaue auf das Bett neben mir, aus dem ein behaartes Männerbein heraushängt. Ja, in der Theorie weiß ich, dass ich einen gemischten Schlafsaal gebucht habe (es gab kein reines Female Dorm), aber jetzt ist es schon komisch, einen fremden Mann neben mir liegen zu haben. zu Hause habe ich einen Freund, der das wahrscheinlich auch komisch finden würde. Und es wäre auch etwas anderes, wenn er über mir schlafen würde, wie in den anderen Betten, und nicht neben mir. Ich meine, wenn ich mein Bein jetzt auch aus dem Bett strecken würde, würden wir füßeln (oder beineln). Jetzt bin ich hellwach, stehe so leise, wie möglich auf, schnappe mir meinen Kosmetikbeutel und versuche, auf der steilen Treppe nicht mein Leben zu verlieren. Alles schläft noch, als ich das Zimmer verlasse. Ich tusche mir gerade die Wimpern, als jemand ins Badezimmer kommt und neben mir ans Waschbecken tritt. Ganz richtig, es gibt auch keine Female Badezimmer. Nur gemischt. "All Gender" nennt man das doch jetzt in modernen und alternativen Clubs (und Hostels). "Hi!" sagt der Mann. "Hello." antworte ich und tusche weiter. "Are you the girl in the bed next to me?" Ich nicke irritiert. Aha, das ist also der Mann, mit dem ich beinah gebeinelt hätte. "Ah cool. I'm Markus. You were already asleep yesterday when I arrived." "I'm Mina. Yeah, I was really tired yesterday." Er nickt verständnisvoll. "I'm an art professor, and yesterday I was out with my students. We did a little pub crawl, so it got pretty late." Ein Kunst Professor? So alt sieht er gar nicht aus. Komisch, neben einem Professor zu schlafen und ihn beim Vornamen zu nennen. Ich bin ja selbst noch Studentin. "Ah, cool that you're an art professor. I study too, but I'm here privately." antworte ich also. "Oh really, where do you study?" fragt er neugierig. Wuppertal, antworte ich. "Ach, dann bist du ja auch aus Deutschland! Habe ich gar nicht gemerkt, dann können wir uns ja auch in unserer Sprache austauschen." Wir lachen und setzen unser Gespräch fort, bis er seine Zahnbürste im Mund hat. Nett, aber trotzdem irgendwie awkward diese Situation. Ich verabschiede mich und gehe die endlosen Treppen zum Frühstück hinunter, welches im Preis für die Übernachtung inbegriffen ist (wahrscheinlich noch ein Grund für die Wahl meines abgelegenen Hostels). Das Buffet ist toll, es gibt kleine, traditionelle Biscoff Packungen und großartigen Kaffee.

Gestärkt mache ich mich auf den Weg zur Vintage Factory, wo es die großartigsten Holzfäller-Hemden überhaupt gibt. Aber auch deren Preis ist ziemlich großartig und ich zahle ja lieber kleinartige Preise. Der Laden ist an sich aber trotzdem sehenswert, von innen und außen. Danach geht es zu einem Laden für gebrauchte Bücher, in dem an der Decke unzählige Buchseiten aufgehängt sind und im rein wehenden Wind flattern. Ich gehe durch die wunderschöne Serpentstraat, in der zwischen den eng zusammen stehenden Häuserreihen bunte Wimpelketten aufgefangen wurden. Anschließend setze ich mich in das wundervolle "Le Bal Infernal", einem Used Book Café, also ein Café voll mit gebrauchten Büchern. In der Mitte steht ein Baum, der mit Lichterketten behangen ist. Überall sitzen Menschen mit Büchern und ich bestelle mir einen alkoholfreien Apfelpunsch mit Zimt und setze mich neben eins der massiven Bücherregal. In belgischen Speisekarten findet man immer wieder gegrillte Käsetoasts mit Pickles, das wollte ich auch ausprobieren. Es wurde mit Ketchup gereicht, war günstig und lecker, passte aber nur halbwegs gut zum Apfelpunsch. "Nieuwe Maan" von Stephenie Meyer tröstete mich aber über die Disharmonie hinweg. Danach laufe ich über den Vrijdagmarkt, ein absolut sehenswerter Platz mit sehr fotogenen Gebäuden, Statuen und Kirchentürmen. Dort entdecke ich auch das "Dulle Griet", eine Kneipe benannt nach einem knallroten Riesengeschütz aus dem Mittelalter (das man am Rande des Freitagsmarkts bewundern kann), welches wiederum benannt ist nach einer wilden, furchtlosen Frau namens Grete aus der flämischen Folklore, die eine weibliche Armee anführt, um die Hölle zu plündern. In der Kneipe gibt dort eine sehr speziellen Bier-Tradition: Wenn du das große Hausbier bestellst, bekommst du ein riesiges Glas in Form eines großen Stiefels. Diese Gläser sind sauteuer und damit niemand wie die Tolle (Im Mittelalter bedeutete „toll“ ursprünglich „wahnsinnig“) Grete damit abhaut, musst du einen deiner Schuhe als Pfand abgeben. Der Schuh wird in einem Korb nach oben gezogen und hängt dort sichtbar über der Bar, bis du dein Bier brav ausgetrunken hast. Da werde ich heute Abend auf jeden Fall meinen Schuh über die Theke reichen, denke ich mir. Aber zuerst geht es zu Oxfam, wo ich zwei tolle (und warme) Pullis finde, anschließend kurz in die Gruut Brauerei (Achtung: sie ist gut versteckt, man muss der kleinen Sackgasse der Rembert Dodoensdreef folgen, Hausnummer 1), denn die ist etwas ganz Besonderes: Sie braut Bier ohne Hopfen. Stattdessen mit einer alten Kräutermischung, dem sogenannten Gruut. Die Aromen sind dadurch oft sanfter, würziger und weniger bitter. Dort kaufe ich (nach einem kleinen Tasting) die Sorte Amber für meinen Freund als Mitbringsel. Jetzt brauche ich erstmal einen Kaffee, entscheide ich (sonst werde ich meinen Bierstiefel heute Abend nicht mehr schaffen!) und gehe gegenüber ins progressive Café "Rokko", einer Buchhandlung mit Kaffeebar. Hier gibt es allerhand queere Bücher und coole feministische Aufkleber. An der Theke frage ich, wo man in Gent gut feiern kann und mir wird das "Funke" empfohlen. Eine kleine Bar Schrägstrich Diskothek, je nach Uhrzeit (dauert ein bisschen, bis ich es auf Google Maps finde, weil die Belgier es fÜhNKeH aussprechen). Ich trinke meinen Kaffee und verabschiede mich, bedanke mich für den netten Tipp. Mein Magen knurrt und ich weiß genau, womit ich ihn glücklich machen kann.

Ich bin in der veganen Pizzeria von gestern. Es ist 21 Uhr, gerade hat das "Plant a Pizza" seine Türen geöffnet (okay, es war eigentlich nur eine). "How many?" werde ich gefragt. "Just me." antworte ich mit einem selbstsicheren Lächeln. Mir wird der Platz am Fenster zugewiesen, dabei ist das Lokal bis auf eine vierer Gruppe, die mit mir gekommen ist, komplett leer. Die Gruppe bekommt einen langen Tisch, ich einen Hochstuhl an einem schmalen Tisch direkt am Eingang, neben mir drei weitere unbequeme Hochstühle aus Metall. Ich bestelle ein Wasser und versenke meine Nase in die Speisekarte, bis ein Pärchen auftaucht. Das darf sich frei aussuchen, an welchem Tisch es im Lokal sitzen möchte. Hm. Ich schaue wieder in die Karte. Dann kommen zwei Frauen durch die Tür, es zieht kalte Luft zu mir herein, während ich schon seit über zehn Minuten auf den Kellner warte, um meine Bestellung aufzugeben. Auch die beiden werden mit einer Handbewegung dazu aufgefordert, frei zu wählen, wo sie sitzen wollen. Was ist hier los? Der Kellner weiß, dass ich allein bin, er hat mich ja schließlich extra an den Katzentisch hier gesetzt. Wartet er trotzdem so lang, als würden hier zwei oder drei Menschen versuchen, sich ein Gericht auszusuchen? Endlich erlange ich seine Aufmerksamkeit und bestelle. Der Rand der Pizza ist lecker, der Rest schmeckt nicht wirklich nach Pizza. Vielleicht hätte sie besser geschmeckt, wenn ich den Mut gehabt hätte, nach einem normalen Tisch für mich zu fragen, auf dem ich nicht übersehen (oder ignoriert) werden kann. Ja, ich hätte etwas sagen sollen, aber die Situation ist irgendwie neu für mich. Klar, ich bin schon früher allein verreist, aber da habe ich mir immer Mahlzeiten zum Mitnehmen geholt oder mir in der Hostel Küche eine Lasagne von Lidl warm gemacht. So ist das also, wenn man sich allein in ein Restaurant setzt. Ich fühl mich ein bisschen herabgesetzt, als wäre ich nicht ganz ohne meinen Partner hier an meiner Seite, als würde ich gegen eine unausgesprochene Regel brechen. Jetzt will ich einen Bierstiefel.

Auf dem Weg zur furchtlosen, plündernden Frau ruft mein Freund an und ich erzähle ihm am Telefon von meinem Ziel. "Was willst du denn allein in einer Kneipe?" fragt er entsetzt. Ich stocke. Ist das so komisch? Ich möchte diese Kneipe mit ihren Traditionen erleben. Das kann ich jetzt eben nur allein, wenn ich keine fremden Menschen auf der Straße anquatschen will, um sie zu fragen, ob sie mitkommen wollen (außerdem wäre das nicht viel komischer?) Warum kann es in unserer Gesellschaft nicht normal sein, es sich auch allein schön zu machen? Die Freuden des Lebens auch allein zu genießen? Warum muss ich dafür Freunde um mich haben oder einen Partner an meiner Seite? Bin ich nur dann vollständig? Werde ich nur dann als vollwertige, ökonomisch voll handlungsfähige Person wahrgenommen? Das nervt. Furchtlos (und verärgert) beende ich das Telefonat und betrete die sagenumwobene Kneipe meiner Anführerin. Mensch, ist das voll hier! Ein einziger Platz ist übrig – an der Theke. Das ist okay für mich. Ich bestelle mein Max Bier und reiche dem Mann hinter der Zapfsäule meinen Plateau Stiefel. Er nimmt ihn an sich, als wäre es das Normalste der Welt; nicht so, als hätte man ihm gerade einen dreckigen, durchgeschwitzten Touristen-Schuh gegeben. Mit meinem Stiefel in der Hand geht er um die Theke herum, bis er hinter mir steht und eine Schnur an der Wand löst. Daraufhin senkt sich ein großer Drahtkorb von der Decke, mein Schuh landet neben vielen anderen darin und der Korb wird wieder hinaufgezogen. Anschließend wird einmal heftig gegen eine alte Glocke gehauen und alle Gäste jubeln auf. Kurz darauf steht stattdessen der Bierstiefel in voller Größe vor mir und überragt mich um zwei Köpfe. Vorsichtig nehme ich das (sauteure) Glas in die Hand und staune nicht schlecht über das Gewicht. Schon schwappt ein wenig über den Rand. Als ich mich peinlich  berührt umsehe, schwappt nur noch mehr heraus. Eine Frau neben mir lacht mich an. Wir kommen ins Gespräch, weil bei meinem ersten Schluck auch nicht alles im Mund landet. Wie geht das denn? frage ich sie völlig überfordert. Sie zeigt mir ihre Biertstiefel-Trinktechnik und bald hab ich es raus. Nachdem ich die Hälfte geleert habe, muss ich aufs Klo. Das ist blöd, weil ich nur einen Schuh anhabe. Für die Toilette muss man die Treppe rauf und so viel Bier, wie hier verschüttet wird (es liegt also gar nicht an mir!), möchte ich hier ungern auf Socken rumlaufen. Wer weiß, wie es erst auf der Toilette aussieht (vor allem, wenn es wieder so coole All Gender Toiletten sind...). Ich verkneif es mir also und trinke den Rest des Biers für meine Verhältnisse etwas zu hastig, nur um meinen Schuh möglichst bald wieder zu haben und auf die Toilette gehen zu können. Recht blau und toll mache ich mich auf dem Weg zurück zum Hostel und schlummere alsbald wie ein Baby.

Am nächsten Morgen erwarte ich einen Kater, aber anscheinend hat die vegane "Pizza" mir eine gute Grundlage verschafft und ich bleibe verschont. Drei Biscoff Toasts im Magen verabschiede ich mich von Markus und checke aus. Anschließend laufe ich schnurstracks zum Hostel "Upperlink", um meinen Rucksack in einem der Schließfächer loszuwerden, denn ich werde erst heute Abend weiter nach Brügge fahren. Heute steht für mich endlich das Innere der Burg Gravensteen an. Aber vorher gibt es noch eine Waffel to go und etwas Senf für den Freund zu Hause. Beides praktischerweise in traditionsreichen Läden, die sich nebeneinander befinden. Die Waffel gibt es bei "Koffie 3,14 Thee" (Warum die Pi Zahl im Namen steht? Keine Ahnung.) und den Senf bei "Tierenteyn-Verlent". Die Familie Verteltin stellt den Senf seit über 100 Jahren her, nach traditionellen Rezepten und ohne künstliche Zusatzstoffe. Man wird gut beraten und darf probieren, Vorsicht scharf! Dann geht es endlich zur Burg, wo ich mich im Hof, von Tannen umzingelt in einer Schlange für ein Ticket wiederfinde. Für 12 Euro Eintritt gibt einen Audio Guide gratis dazu, den man sich wie einen kleinen Lautsprecher ans Ohr hält, nachdem man seine gewünschte Sprache ausgewählt hat. Und die Audios sind so toll! Ganz bildhaft und mit viel schwarzem Humor wird mir erzählt, wie Angreifer(:innen?) von oben mit siedendem Öl begossen wurden, wenn sie versuchten, die Burg zu stürmen. Es gibt Hintergrundgeräusche und tolle Musik dazu, einfach klasse! Ich bin hin und weg von den Schwertern, Lanzen und Rüstungen im Inneren und werde im Turm ganz oben mit der schönsten Aussicht auf die Stadt belohnt.

Jetzt mache ich mich auf den Weg zum Café Galgenhuis, die kleinste Kneipe Gents, kein Café, wie ich drinnen feststellen muss. Also bestelle ich mir ein Tongerlo Christmas, ein Weihnachtsbier mit fruchtigen und würzigen Noten, denn für mein nächstes Ziel muss ich mir eh ein wenig Mut antrinken... eigentlich hätte ich hier keinen Platz gefunden, denn es gibt nur 3 Tische und die sind alle besetzt. Doch dann fällt mein Blick auf einen älteren Mann, der allein an einem Tisch für zwei Personen sitzt und sich gerade mit den Mädels hinter der Bar unterhält. "Would you mind if I sit across from you?" frage ich ihn und deute auf den Platz ihm gegenüber. Er nickt und lächelt. Eins der vielen Vorteile, allein unterwegs zu sein. Selbst in der kleinsten Hütte findet man meist einen Platz, egal wie voll der Laden ist. Spontan ist immer Platz für eine Person. Ich trinke mein Bier und sauge die Atmosphäre in mich auf. Das dunkle Holz, die kleinen Tische, gemütlich und ein bisschen wie ein Wohnzimmer für Gäste aus der Nachbarschaft. Im 18. Jahrhundert waren auf der Rückseite des Gebäudes tatsächlich Galgenplätze, an denen Recht gesprochen wurde, was der Café-Kneipe seinen recht einprägsamen Namen gibt. Auf dem Platz vor dem Galgenhuis wurden die Verurteilten verbrannt oder in großen Bottichen gekocht, während die Dorfbewohner sich darum scharten, um zuzusehen (das hat uns jedenfalls Kenny bei der Free Walking Tour erzählt). Für so eine schaurige Vergangenheit ist es hier viel zu gemütlich, denke ich, bedanke mich bei meinem Tischnachbarn und verlasse das Galgenhaus. Mein nächstes Ziel ist nur wenige Schritte entfernt und führt mich zum Laden "Streets", wo ich einige Steinstufen hinab in einen Keller steige. Dort lerne ich Matteo kennen, einen herzlichen Piercer in meinem Alter. Ich erkläre ihm kurz, was ich haben möchte und er sticht drauf los. Ein Stück Metall im Ohr reicher und 60€ ärmer laufe ich mit vor Freude tänzelnden Schrittes zu "Otomat" (anscheinend bleibe ich hier permanent bei Pizza), wo ich wieder eine vegane Pizza bestelle. Die kann diesmal etwas mehr, aber dann übertreibe ich es mit dem Chili Öl ein wenig, weshalb mich die Gruppe am Tisch neben mir fragt, ob alles okay ist. Ich nicke mit vollem Mund, meine Augen tränen. Aber die Schärfe lenkt mich von dem Brennen durch meinen neuen Ohrschmuck ab. Ich bin froh, meine Pizza nicht teilen zu müssen und esse sie ganz auf. Wer weiß, wann ich wieder etwas zu Essen (Pizza) bekomme, wenn ich gleich den Bus ins unbekannte Brügge besteige?

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