Liége, Belgien
Lüttich klingt so polternd, so grob und unschön, ganz im Gegensatz zu Liége. Französisch hat doch was. Wir fuhren von der Autobahn ab und passierten enge Straßen mit Backstein Häusern, die sich dicht nebeneinander drängten und mit ihren Erkern und Giebeln prahlten. Wir parkten in der Altstadt, nahe des Provinzpalastes und spazierten daraufhin durch die Rue du Palais zu „Une Gaufrette Saperlipopette“, übersetzt „Eine Waffel verdammtnochmal“. Dies ist eine familiengeführte Manufaktur, die sich ursprünglich auf die traditionelle „Gaufre de Liège“ spezialisiert hat. Wir aßen dort eine authentische, handwerklich hergestellte Gaufre. Jeder kennt ja belgische Waffeln, wie man sie in Brüssel und Co. kaufen kann (meist quadratisch und weich bis fluffig). Aber Lütticher Waffeln sind eine ganz andere Geschichte. Sie sind mehr oder weniger rund und etwas knusprig, da der Zucker karamellisiert ist. Ich sag euch, dass war die beste Waffel meines Lebens!
Weiter ging es dann auf der Rue Hors-Château zur berühmten Stadttreppe „Montagne de Bueren“. Der Anblick von unten am Fuße der Treppe war einfach sagenhaft und überwältigend. Sie zählt auf jeden Fall zu einer der schönsten Treppen, die ich jemals bestiegen habe, fernab der Aufsteige zu asiatischen Buddha Statuen oder in tiefen Tropfsteinhöhlen. Die breite Steintreppe hat 374 Stufen und wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts fertig gestellt. Durch den Anstieg überwindet man einen Höhenunterschied von etwa 60-70 Metern bei einer Steigung von rund 28–30 %. Namensgebung war Vincent de Bueren, einem Adligen des 15. Jahrhunderts, der bei einem Angriff auf Liège gegen Charles the Bold gekämpft haben soll. Die Treppe diente ursprünglich vor allem militärischen Zwecken: Sie ermöglichte den Soldaten der Zitadelle einen raschen Weg in die Stadt, ohne durch enge Gassen und problematische Viertel gehen zu müssen. Sie ist zwischen Häuserzeilen gebaut, in denen links und rechts tatsächlich Menschen wohnen, weshalb alle paar Stufen eine Schrift darum bittet, sich als Besucher:in möglichst leise und respektvoll zu verhalten, um die Anwohner nicht zu stören. Oben angekommen, liefen wir die Au Pèrî hinauf und steuerten dabei auf das Monument au 14ème Régiment de Ligne zu, das zu Ehren des 14. Linien-Infanterieregiment errichtet wurde, welches im Ersten Weltkrieg (1914-1918) an den Kämpfen rund um die Zitadelle von Lüttich beteiligt war. Heute sind noch Teile der alten Mauern der Zitadelle erhalten, doch im 20. Jahrhundert wurde der Großteil des festungsartigen Ensembles durch den Neubau eines Krankenhaus (Centre Hospitalier Régional de la Citadelle) ersetzt. Von dem Monument aus hat man einen wundervollen Ausblick über die Stadt und die Maas. Wir wurden nach unserem Aufstieg sogar mit einem frühen Sonnenuntergang belohnt, der die unter uns Liége-nde (haha) Stadt in wunderbar goldenes Licht tauchte. Nach unserem Abstieg besuchten wir die „Brasserie C“, (erreichbar über die Imp. des Ursulines) einer idyllischen Brauerei mit Biergarten am Fuße der Treppe.
Sie befindet sich in einem historischen Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, an dem man sich einfach nicht satt sehen kann, wenn man auf der Terrasse sitzt. Wir waren an Halloween dort, man konnte also noch ganz gut draußen sitzen, ohne zu frieren (und dabei die Deko Kürbisse bestaunen), aber es gab auch noch einen Garten, in dem man sich an einer Feuerstelle wärmen konnte. Das hatte wirklich ein ganz tolles Ambiente, wir sind ungern wieder gegangen! Der Name stammt übrigens von einem ihrer selbstgebrauten Biere, dem Curtius (schmeckt recht säuerlich, weil nach der Hauptgärung erneut ein kleiner Anteil Hefe und Zucker in die Flasche gegeben wird. Dadurch entsteht eine zweite Gärung direkt in der Flasche, ähnlich wie bei Sekt. Diese Flaschengärung ist typisch für viele belgische Biere). Nach unserem Besuch steuerten wir die belebte Rue de Bex an, um von dort am Place Saint-Lambert vorbei in die Rue Souverain Pont einzubiegen, eine kleine Gasse mit einigen urigen Restaurants und Galerien. Dort holten wir uns bei Chez Murat, einem orientalisches Bistro zwei vegane Falafel Dürüms, die unter anderem wegen der untergemischten Granatapfelkerne wirklich hervorragend schmeckten, wie wir später im Hotelbett feststellten. Wir nächtigten in dem wunderschönen „Landgoed Altenbroek“, einem historisches Gebäude mit dem Charme der alten Kasteelhoeve (Herrenhof) aus dem 14. Jahrhundert in Voeren, 30 Fahrminuten von Liége entfernt und direkt an der Grenze zu Holland. Es liegt ziemlich abgeschieden, mitten im Grünen, umgeben von Hügeln, Weiden und kleinen Bächen; perfekt, wenn man Ruhe sucht oder wandern möchte. Es gibt auch mehrere ausgewiesene Wanderwege, die man direkt ab dem Anwesen beziehungsweise aus der Umgebung starten kann. Die nächste größere Stadt ist Maastricht in Holland, sie liegt nur etwa 15 Kilometer entfernt und war unser Ziel für den nächsten Tag.